Frank Schablewski, Emotion

Das Wort Emotion ist der lateinischen Sprache entlehnt und beinhaltet neben der Bedeutung für die Gemütsbewegung, die seelische Erregung, den Gefühlszustand, die moˉtioˉ, das Wort für Bewegung. Nichts scheint sinnbildlicher zu sein, um die Kunst von Sonja Kalb in ihrer Wirkung mitzuteilen. Mit ihrer abstrakten wie expressionistischen Malerei vervollkommnet Sonja Kalb ihr künstlerisches Verfahren, das Augenmerk auf das Wesentliche zu konzentrieren und alle Merkmale des Gegenstandes zu vernachlässigen. In ihrer Malerei verzichtet Sonja Kalb somit ganz auf Gegenstände als Farbträger. Wenn eine Figur, ein Gegenstand oder eine Landschaft wahrnehmbar erscheinen, ist das eine Leistung unserer Erinnerung wie unseres Willens, dass wir jedem Licht, jedem Schatten, jeder Helligkeit, jeder Dunkelheit, selbst jeder Farbe Gegenständliches oder menschliche Formen oder Landschaftliches verleihen wollen. Sonja Kalb malt aber nur das Wesentliche, das Essenzielle. Ihr geht es um die Substanz der Farben, bei aller Veränderlichkeit und Zufälligkeit, die das menschliche Auge in der abstrakten Malerei sehen möchte: Jeder Pinselstrich, jeder Farbton, jede Spachtelmaterie, jedes Material sind in einem geistigen Prozess gesetzt worden. Wer die Künstlerin Sonja Kalb in ihrer künstlerischen Laufbahn schon länger verfolgt, weiß um ihren Weg von der gegenständlichen zur abstrakten Malerei, wie ihn viele Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts genommen haben.

Die hier abgebildeten Werke zeigen eine große Entwicklung der Künstlerin in eine neue Richtung. Über die bisher bekannten malerischen Dimensionen von Sonja Kalb wie Farbkontraste, Beschaffenheit der Farben, Komposition, Linien und Flächen, Regelmäßigkeit und ihr Gegenteil Unregelmäßigkeit sowie die Oberflächenstruktur, die eine besondere Erscheinung an Textur, geradezu an „Farbverwebungen“ als Anmutung besitzen, entdeckt und entwickelt Sonja Kalb in den meisten der hier gezeigten Arbeiten ihren eigenen Malprozess mit der Farbe in starker Verflüssigung. In ihren neuen Bildern läuft Farbe, verläuft Farbe, läuft Farbe aus. Diese Farbverläufe schaffen neue Sehweisen, neue räumliche Perspektiven, sie öffnen den Malgrund auf eine einmalige Weise, die dem Element des Flüssigen innewohnt: Gravitation ist die Richtung des Farbverlaufs in derartigen Arbeitsprozessen. Es gehört für die Künstlerin dazu, diese Farbverläufe auch umzukehren, um eine neue Bilddimension zu gewinnen.

Über die malerische Struktur von Sonja Kalb, ganz entsprechend der lateinischen Wortbedeutungen structura, das die ordentliche Zusammenfügung, den Bau, den Zusammenhang von Farbe und kompositorischen Elementen bezeichnen würde und struere, das das Schichten und Zusammenfügen von Farbe geradezu ins Sprachliche übersetzt. Die Künstlerin setzt oder legt jetzt über und unter die pastosen oder opaken Farbflächen farbliche Flüssigkeiten, die den Bildraum als Farborganismus erweitern und vieldeutiger machen. Über und unter der Struktur, aber auch über und unter den kompositorischen Aufbau von Materie bzw. von materiellen Körpern wie Pigment, Acryl, Tusche, Ölkreide, Spachtelmaterie, fließt – viel schwerer zu kontrollieren – die Farbe in flüssiger Form. Das menschliche Auge bevorzugt Symmetrien wie Harmonien, die beruhigen und Glücksgefühle auslösen. Diese kennzeichnen bei aller expressionistischen Abstraktion die Malerei von Sonja Kalb.

Die Farbvariante des Rots, das Rosa, komponiert Sonja Kalb zu abstrakten und dynamischen Rhythmen, wie die gleichnamigen Titel “abstract rhythm” und “dynamic rhythm” diesen direkten Umgang der Künstlerin mit Farbe in spontanem wie reflektiertem Malstil eindrucksvoll wiedergeben. Titel wie “lofoten”, “bali” oder “bali blue” und “fjord” bedingen natürlich geradezu gegebenermaßen, nach Landschaften Ausschau zu halten, als könne dadurch der unermessliche Bildraum dem Uferlosen entzogen werden durch die Vorstellung von Wasser und Land. Die Bewegungen der Farbe auf dem Bild lösen Emotionen aus, die an inneren Landscha ften festhalten.

Die Titel ihrer Bilder “aqua”, “atlantic” und “boats” wirken fast aus dieser elementaren Entdeckung des flüssigen Zustands der Farbe Blau wie ein Ereignis. Alles scheint hier zu schwimmen. Nichts und niemand kann Wasser halten oder aufhalten. Damit spielen die Farbwirkungen und die Atmosphären der gefundenen Nuancen, die in den Bildwelten der Sonja Kalb auf- und untertauchen. Wie das Ufer dem See Form und Maß gibt, arbeitet die Künstlerin mit ihren ausgesuchten Farben und treibt sie bis zum Maximum ihrer größtmöglichen Fläche aus. Hier schafft sie diese besonderen Harmonien und Symmetrien, die mit der unbewussten Welt der Seele, der inneren Welt, direkt Kontakt aufnehmen.

Frank Schablewski, Emotion, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb: Emotion, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2015

Dr. Stefanie Lucci, Déjà vu

Die farbintensiven Malereien von Sonja Kalb entwickeln auf der Leinwand einen unmittelbaren Sog, der den Betrachter in die Bildtiefe hineinzieht und dort sämtliche Sinne aktiviert. Ihre Malereien kann man förmlich schmecken, fühlen, riechen, hören. Sie sind Seh-Erlebnisse. Dabei gleitet der tastende Blick durch die offen gestalteten Farbräume, - er nimmt Formen, Strukturen und Texturen wahr und verdichtet die abstrakten Malspuren zu gegenständlichen Ahnungen, die in einer spannungsvollen Dynamik zwischen Formbildung und -Auflösung oszillieren.

Sonja Kalb arbeitet in Werkreihen, die jeweils durch eine spezielle Farbauswahl charakterisiert sind. In ihrer jüngsten Werkreihe dominiert beispielsweise ein Farbklang aus Rot, Orange und Silber. Farbe wird jedoch nicht einfach nur aufgetragen, vielmehr erforscht die Künstlerin die jeweiligen besonderen Farbqualitäten. So entfaltet sich etwa das Silber in einem Spektrum, das von nahezu weiß bis hin zu fast schwarz reicht.

Sonja Kalbs Malereien sind sorgfältig komponiert. Trotz der schnell gesetzten Malgesten lotet die Künstlerin präzise jede Setzung aus, erkundet das Verhältnis von Form, Fläche, Farbe und Struktur. Hierzu nutzt sie eine Vielzahl von Techniken: Mit breiter Quaste trägt sie Farbe auf, sie spachtelt, drückt Texturen in die feuchten Malschichten, lasiert, lässt Farbe fließen, verstreicht die Malspuren. Schicht um Schicht werden die Farbräume vom Malgrund aus organisierend übereinander angeordnet.

Obwohl sich die Farbe nach vorne hin haptisch aufbaut, bleibt der Blick nicht an den Materialoberflächen haften, sondern dringt in einer gegenläufige Bewegung quasi durch die Farbschichten hindurch, so als ob man durch Glasfenster sehen würde. Überhaupt scheinen viele Arbeiten von Sonja Kalb um optische Phänomenen wie Licht, Schatten, Reflektionen und Spiegelungen zu kreisen.

Manche Arbeiten verdichten sich mittig, andere sind offen angelegt. Weite Landschaften, Natur, Ozeane und Flüsse bilden sich während der Betrachtung vor dem inneren Auge, andere Werke evozieren Stadtlandschaften und Architekturen. Dabei bilden sich die Bilder nie konkret, sondern formen sich eher wie Erinnerungen, die aufscheinen, wie Stimmungen, die plötzlich wieder lebendig werden, Déja vu-Erlebnissen ähnelnd. Bildtitel geben mitunter Hinweise aus dem Blickwinkel der Künstlerin.

Inspiration findet Sonja Kalb auf ihren zahlreichen Reisen und in Naturphänomenen. Ihre Werke sind jedoch auch sozial und politisch motiviert. So etwa die unlängst entstandene Werkreihe zu Meerestiefen. Sonja Kalb: „Die ganze Schönheit der Unterwasserwelt in Form von Malerei zu zeigen, ist meine Art zu mahnen und auf die Folgen von Ölpest und Fukushima zu antworten.“

So nimmt uns die Künstlerin mit auf ihre Reise durch die Welt und zeigt uns deren Schönheit in Fülle. Ihre Impressionen laden ein, sie uns anzuverwandeln. Oder wie Luigi Mailipiero es ausdrückt: „Kunst ist der kluge Spiegel der Seele, durch den wir lernen können, unser Dasein richtig und unverzerrt zu leben, mit dem Ohr an der Brust der gewaltigen Natur, deren Rhythmus Träger unseres Lebens, ungetrübt von Menschentyrannei, sein soll.“

Dr. Stefanie Lucci, Déjà vu, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb: Abstraktionen, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2012

Dr. Heinz Schmitz, Farbe als Ausdruck

Grün bricht mit explosiver Kraft hervor, wird nur vom Gelb in seine Schranken gewiesen, Blau gibt Struktur. Dann eine Reihe von grauen Bildern. Mehrere Schichten wurden aufgetragen. Immer wieder bricht ein hell gedämpfter Farbton durch. Die Bilder waren anscheinend farbig, ja bunt, wurden aber nach und nach ihrer Farbigkeit beraubt. Es scheint, als wenn die Farbe selbst dazu beigetragen hätte, sich zu beschränken. Eine Erinnerung an sie bleibt, auch wenn sie unter einer hellen, grauen Oberfläche versteckt aber noch sichtbar ist.

Die Bilder sind durchnummeriert und tragen den Titel »Déjà Vu«, was »schon gesehen« bedeutet. Und wirklich wirken die Gemälde, als seien sie schon betrachtet worden und von dem Gebrauch abgenutzt, von einem hellen Schleier überzogen.

Oder ganz so, wie Farblehren beschreiben, dass eine Addition der Primärfarben Weiß ergeben, in der Praxis aber, und dies scheint Sonja Kalb auszuführen, ein helles Grau, durchsetzt von einer feinen, zarten Farbigkeit. Dabei, betrachtet man die Werke aus der Nähe, wurde die Farbe kräftig, pastos und mit dem Spachtel aufgetragen. Arbeitsspuren sind zu sehen, Abschabungen und erneute Farbschichten. Auf diese Leinwände wurden bis zu zwanzig Acrylschichten aufgetragen, die von einer Hochglanzlackierung geschützt wird. Diese Bilder – hier erweist sich der Titel »Déjà Vu« als treffend – verbergen viele, ungezählte Bilder unter ihren Schichten. Schaut man sich die Werke an, so werden Erinnerungen geweckt an Ereignisse, die vielleicht nie eingetreten sind, von denen man aber doch berührt ist. Form und Farbe haben in diesen Bildern ihren Eigenwert gefunden und sind zum selbstständigen Ausdrucksmittel geworden. Schluss mit der Vorstellung, die Qualität von Kunstwerken lasse sich an ihrer Ähnlichkeit zum Abgebildeten bestimmen.

Der Wettstreit zwischen den Malern Zeuxis und Parrhasios, von dem Plinius der Ältere erzählt, verfehlt das Wesen der Kunst. Keine Trauben, die so genau gemalt, dass sie Tauben anlocken, kein gemalter Vorhang, den man wegziehen möchte, im irrigen Glauben, hinter ihm verberge sich die Kunst, nein, für Sonja Kalb wird die Kunst selbst zum Thema.

Dr. Heinz Schmitz, Farbe als Ausdruck, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2009