Timothy Warrington, Sonja Kalb

Sonja Kalbs bezaubernde Werke haben die unbeirrbare Fähigkeit, dem Betrachter die Illusion zu vermitteln, dass sie sich in Bereiche mysteriöser ozeanischer Tiefen oder auf himmlischen Reisen, die einen Kosmos aus Denken und Ausdruck durchqueren, begeben. Kalbs abstrakte Kreationen spiegeln ihre authentische Verbundenheit mit der Natur durch ihr tiefes Verständnis für die Umwelt wider, die sie mit überwältigender Souveränität präsentiert. Daher wurde dieser bemerkenswerten Künstlerin die Auszeichnung „Bestes abstraktes Kunstwerk“ während der Biennale Chianciano im Museum Chianciano verliehen. Dank Kalbs akademischen Verständnisses fließt eine Fülle historischer Referenzen in ihre Werke ein, die zu einer überwältigenden Raffinesse beitragen und in jeder künstlerischen Konzeption sichtbar werden. Ein großer Teil der Werke in monumentalen Dimensionen, in hervorragender Ausführung, kombiniert mit zeitloser Kunstfertigkeit, bestätigt Kalb als ein beachtliches Talent des 21. Jahrhunderts.

Kalbs faszinierender künstlerischer Werdegang unterstreicht ihr aufgewecktes, kunsthistorisches Bewusstsein, das sich in ihrem selbstbewussten Umgang mit dem Medium zeigt. In frühen Jahren gab sich Kalb eher der klassischen Richtung hin, die sie auf indirektem Weg von der gegenständlichen Zeichnung und Malerei zur Collage und später zu großen abstrahierten Kunstwerken führte, wie es viele künstlerische Meister des 20. und 21. Jahrhunderts, unter anderem auch Pablo Picasso, getan haben. Kalbs kreative und intellektuelle Übereinstimmung mit Picasso lässt sich zudem durch ihre grundsätzliche Vorliebe für die Reduktion komplexer Formen auf ihre Oberfläche und Grundelemente mit leidenschaftlichen Emotionen und Anziehung erkennen. Diese umfassende künstlerische Erkundung ist durch jeden Pinselstrich, der ihre unwiderlegbare Sachkenntnis und Affinität beweist, belegbar.

Die anmutigen Darstellungen subtilen Lichts und sanften Bewegungen innerhalb der Biosphäre von Kalbs künstlerischer Harmonie offenbaren die erstaunliche Fähigkeit der Künstlerin, einen authentischen Hauch von Licht in ihre atemberaubenden Kompositionen zu bringen. Sicherlich ist es diese Leuchtkraft, die Kalb in all ihren Werken erreicht, die den Betrachter so vorbehaltlos und leidenschaftlich mit jedem Werk verbindet. Kalb vereinigt die reine, unverminderte Schönheit der Natur und ihren innovativen, abstrakten expressionistischen Ansatz mit einer ausdrucksvollen Leichtigkeit und beschenkt so jeden einzelnen Betrachter mit seiner eigenen persönlichen Landschaft, die über ein Verständnis für das harmonische Gleichgewicht verfügt, in dem die grenzenlose Vielfalt der Naturkräfte im Inneren nebeneinander bestehen. Atemberaubend zeigt sich diese unverwechselbare Vorgehensweise Kalbs in „Twilight“, in dem die intrinsische sensorische Erfahrung der Vergänglichkeit verewigt wird, wenn das Auge die Leinwand durchquert, und der Betrachter geneigt ist, der Gegenwart zu entfliehen, da er von der geschickten Komplexität des Ansatzes der Künstlerin und ihrem Medium absolut begeistert und fasziniert ist. Insofern lassen sich gedankliche Verbundenheit zwischen den philosophischen Neigungen von Kalb und Gerhard Richter erkennen, insbesondere wenn man den avantgardistischen Farbauftrag und die leidenschaftliche Geste betrachtet, die sich im Werk beider Künstler finden.

Ausgefallene Farbtöne sättigen Kalbs Leinwand. Ihre intensiven Farbtöne suggerieren eine visuelle Neugierde auf die Fauvisten, was sich in ihrer symbolischen und sinnträchtigen Verwendung intensiver Farben zeigt, die eine intuitive und angeborene Reaktion des Betrachters hervorrufen. Die betörenden Texturen und Farbtöne in jedem von Kalbs Werken spiegeln auch den kognitiven Ansatz der Künstlerin an die Expressionisten wider, insbesondere wenn man den „Kosmos“ als die betörenden Rätsel der Galaxie betrachtet, die mit kühner Präsenz und gleichzeitig feinen Nuancen gezeigt werden.

Kalbs ergreifende und emotionale Arbeiten zeigen einen ausgeprägten Einfluss der deutschen expressionistischen Gruppe „Die Brücke“, gerade wenn man bedenkt, dass Emil Nolde Kalbs unersättliche Vorliebe für eine symbolische Anwendung von Öl teilt, um eine inhärente Aura der herrlichen Schöpfungen von Mutter Natur zu schaffen. „Lake“ enthüllt eine bemerkenswerte Schatztruhe mit den lebhaften Geheimnissen des Lebens, die sich unter der Wasseroberfläche verbergen, durch eine subtile Umsetzung ihrer grundlegenden Haltung zur Natur. In diesem Fall enthalten Kalbs abstrahierte Formen eine zarte Handschrift, wie sie in Per Kirkebys Naturdarstellungen zu sehen ist. Und diese ermöglichen es dem Betrachter, sich seine eigene Interpretation der evozierten Landschaft vorzustellen.

Bei der Betrachtung von „Regenwald“ und „Amazonas“ ist es möglich, konzeptionelle Ideale zu erkennen, die sich an der Tachismus-Bewegung orientieren, insbesondere wenn man die unerschrockene Anwendung des Mediums betrachtet, auf das Kalb sich einlässt. Weitere Vergleiche lassen sich mit Arshile Gorky und Karel Appel durch ihre ausgerichtete Umsetzung von Linie und Farbe anstellen, die zentrale und unüberwindbare Emotionen birgt. Eine fesselnde Neugierde wird beim Betrachter geweckt, der sich von der Komposition verzaubern lässt und zu einem Streifzug durch das Dickicht des Dschungels inspiriert wird, um die verborgenen Erzählungen in seinem Terrain freizulegen.

Kalbs akademische Herangehensweise an ihre Kreativität spiegelt sich in der meisterhaften Bearbeitung ihres Metiers wider, die Farbtöne scheinen sich zu überlagern, so dass der Weg der Synergie der Künstlerin mit ihrer Arbeit dokumentiert wird. Die zuweilen geschaffenen Texturen korrelieren sogar mit den Philosophien der Dada-Bewegung. Jede nachfolgende verhüllte und gleichzeitig enthüllte Schicht gibt die Kernaspekte der enthaltenden Erzählungen des Kunstwerks frei. Diese faszinierende Technik wird in den „Blue Mountains“ veranschaulicht, wo jede Schicht ein Element reicher Geschichte enthüllt und daraufhin eine leidenschaftliche Faszination im Betrachter entfaltet.

Die erstaunliche Fähigkeit von Kalb, mit solch anmutiger Wirkung gekonnt bedeutende, museale Kompositionen zu konzipieren, zeigt ihr überragendes kreatives Talent. Die lebensbejahende Persönlichkeit der Künstlerin strahlt jede subtile Bewegung in ihrem Oeuvre aus und vermittelt dem Betrachter mit vorzüglicher Gelassenheit und Beredsamkeit ihre angeborene Sichtweise.

Timothy Warrington, Sonja Kalb: Critical Analysis, London: International Confederation of Art Critics, 2019

Frank Schablewski, Emotion, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb: Emotion, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2015

Frank Schablewski, Emotion

Das Wort Emotion ist der lateinischen Sprache entlehnt und beinhaltet neben der Bedeutung für die Gemütsbewegung, die seelische Erregung, den Gefühlszustand, die moˉtioˉ, das Wort für Bewegung. Nichts scheint sinnbildlicher zu sein, um die Kunst von Sonja Kalb in ihrer Wirkung mitzuteilen. Mit ihrer abstrakten wie expressionistischen Malerei vervollkommnet Sonja Kalb ihr künstlerisches Verfahren, das Augenmerk auf das Wesentliche zu konzentrieren und alle Merkmale des Gegenstandes zu vernachlässigen. In ihrer Malerei verzichtet Sonja Kalb somit ganz auf Gegenstände als Farbträger. Wenn eine Figur, ein Gegenstand oder eine Landschaft wahrnehmbar erscheinen, ist das eine Leistung unserer Erinnerung wie unseres Willens, dass wir jedem Licht, jedem Schatten, jeder Helligkeit, jeder Dunkelheit, selbst jeder Farbe Gegenständliches oder menschliche Formen oder Landschaftliches verleihen wollen. Sonja Kalb malt aber nur das Wesentliche, das Essenzielle. Ihr geht es um die Substanz der Farben, bei aller Veränderlichkeit und Zufälligkeit, die das menschliche Auge in der abstrakten Malerei sehen möchte: Jeder Pinselstrich, jeder Farbton, jede Spachtelmaterie, jedes Material sind in einem geistigen Prozess gesetzt worden. Wer die Künstlerin Sonja Kalb in ihrer künstlerischen Laufbahn schon länger verfolgt, weiß um ihren Weg von der gegenständlichen zur abstrakten Malerei, wie ihn viele Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts genommen haben.

Die hier abgebildeten Werke zeigen eine große Entwicklung der Künstlerin in eine neue Richtung. Über die bisher bekannten malerischen Dimensionen von Sonja Kalb wie Farbkontraste, Beschaffenheit der Farben, Komposition, Linien und Flächen, Regelmäßigkeit und ihr Gegenteil Unregelmäßigkeit sowie die Oberflächenstruktur, die eine besondere Erscheinung an Textur, geradezu an „Farbverwebungen“ als Anmutung besitzen, entdeckt und entwickelt Sonja Kalb in den meisten der hier gezeigten Arbeiten ihren eigenen Malprozess mit der Farbe in starker Verflüssigung. In ihren neuen Bildern läuft Farbe, verläuft Farbe, läuft Farbe aus. Diese Farbverläufe schaffen neue Sehweisen, neue räumliche Perspektiven, sie öffnen den Malgrund auf eine einmalige Weise, die dem Element des Flüssigen innewohnt: Gravitation ist die Richtung des Farbverlaufs in derartigen Arbeitsprozessen. Es gehört für die Künstlerin dazu, diese Farbverläufe auch umzukehren, um eine neue Bilddimension zu gewinnen.

Über die malerische Struktur von Sonja Kalb, ganz entsprechend der lateinischen Wortbedeutungen structura, das die ordentliche Zusammenfügung, den Bau, den Zusammenhang von Farbe und kompositorischen Elementen bezeichnen würde und struere, das das Schichten und Zusammenfügen von Farbe geradezu ins Sprachliche übersetzt. Die Künstlerin setzt oder legt jetzt über und unter die pastosen oder opaken Farbflächen farbliche Flüssigkeiten, die den Bildraum als Farborganismus erweitern und vieldeutiger machen. Über und unter der Struktur, aber auch über und unter den kompositorischen Aufbau von Materie bzw. von materiellen Körpern wie Pigment, Acryl, Tusche, Ölkreide, Spachtelmaterie, fließt – viel schwerer zu kontrollieren – die Farbe in flüssiger Form. Das menschliche Auge bevorzugt Symmetrien wie Harmonien, die beruhigen und Glücksgefühle auslösen. Diese kennzeichnen bei aller expressionistischen Abstraktion die Malerei von Sonja Kalb.

Die Farbvariante des Rots, das Rosa, komponiert Sonja Kalb zu abstrakten und dynamischen Rhythmen, wie die gleichnamigen Titel “abstract rhythm” und “dynamic rhythm” diesen direkten Umgang der Künstlerin mit Farbe in spontanem wie reflektiertem Malstil eindrucksvoll wiedergeben. Titel wie “lofoten”, “bali” oder “bali blue” und “fjord” bedingen natürlich geradezu gegebenermaßen, nach Landschaften Ausschau zu halten, als könne dadurch der unermessliche Bildraum dem Uferlosen entzogen werden durch die Vorstellung von Wasser und Land. Die Bewegungen der Farbe auf dem Bild lösen Emotionen aus, die an inneren Landscha ften festhalten.

Die Titel ihrer Bilder “aqua”, “atlantic” und “boats” wirken fast aus dieser elementaren Entdeckung des flüssigen Zustands der Farbe Blau wie ein Ereignis. Alles scheint hier zu schwimmen. Nichts und niemand kann Wasser halten oder aufhalten. Damit spielen die Farbwirkungen und die Atmosphären der gefundenen Nuancen, die in den Bildwelten der Sonja Kalb auf- und untertauchen. Wie das Ufer dem See Form und Maß gibt, arbeitet die Künstlerin mit ihren ausgesuchten Farben und treibt sie bis zum Maximum ihrer größtmöglichen Fläche aus. Hier schafft sie diese besonderen Harmonien und Symmetrien, die mit der unbewussten Welt der Seele, der inneren Welt, direkt Kontakt aufnehmen.

Frank Schablewski, Emotion, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb: Emotion, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2015

Dr. Stefanie Lucci, Déjà vu

Die farbintensiven Malereien von Sonja Kalb entwickeln auf der Leinwand einen unmittelbaren Sog, der den Betrachter in die Bildtiefe hineinzieht und dort sämtliche Sinne aktiviert. Ihre Malereien kann man förmlich schmecken, fühlen, riechen, hören. Sie sind Seh-Erlebnisse. Dabei gleitet der tastende Blick durch die offen gestalteten Farbräume, - er nimmt Formen, Strukturen und Texturen wahr und verdichtet die abstrakten Malspuren zu gegenständlichen Ahnungen, die in einer spannungsvollen Dynamik zwischen Formbildung und -Auflösung oszillieren.

Sonja Kalb arbeitet in Werkreihen, die jeweils durch eine spezielle Farbauswahl charakterisiert sind. In ihrer jüngsten Werkreihe dominiert beispielsweise ein Farbklang aus Rot, Orange und Silber. Farbe wird jedoch nicht einfach nur aufgetragen, vielmehr erforscht die Künstlerin die jeweiligen besonderen Farbqualitäten. So entfaltet sich etwa das Silber in einem Spektrum, das von nahezu weiß bis hin zu fast schwarz reicht.

Sonja Kalbs Malereien sind sorgfältig komponiert. Trotz der schnell gesetzten Malgesten lotet die Künstlerin präzise jede Setzung aus, erkundet das Verhältnis von Form, Fläche, Farbe und Struktur. Hierzu nutzt sie eine Vielzahl von Techniken: Mit breiter Quaste trägt sie Farbe auf, sie spachtelt, drückt Texturen in die feuchten Malschichten, lasiert, lässt Farbe fließen, verstreicht die Malspuren. Schicht um Schicht werden die Farbräume vom Malgrund aus organisierend übereinander angeordnet.

Obwohl sich die Farbe nach vorne hin haptisch aufbaut, bleibt der Blick nicht an den Materialoberflächen haften, sondern dringt in einer gegenläufige Bewegung quasi durch die Farbschichten hindurch, so als ob man durch Glasfenster sehen würde. Überhaupt scheinen viele Arbeiten von Sonja Kalb um optische Phänomenen wie Licht, Schatten, Reflektionen und Spiegelungen zu kreisen.

Manche Arbeiten verdichten sich mittig, andere sind offen angelegt. Weite Landschaften, Natur, Ozeane und Flüsse bilden sich während der Betrachtung vor dem inneren Auge, andere Werke evozieren Stadtlandschaften und Architekturen. Dabei bilden sich die Bilder nie konkret, sondern formen sich eher wie Erinnerungen, die aufscheinen, wie Stimmungen, die plötzlich wieder lebendig werden, Déja vu-Erlebnissen ähnelnd. Bildtitel geben mitunter Hinweise aus dem Blickwinkel der Künstlerin.

Inspiration findet Sonja Kalb auf ihren zahlreichen Reisen und in Naturphänomenen. Ihre Werke sind jedoch auch sozial und politisch motiviert. So etwa die unlängst entstandene Werkreihe zu Meerestiefen. Sonja Kalb: „Die ganze Schönheit der Unterwasserwelt in Form von Malerei zu zeigen, ist meine Art zu mahnen und auf die Folgen von Ölpest und Fukushima zu antworten.“

So nimmt uns die Künstlerin mit auf ihre Reise durch die Welt und zeigt uns deren Schönheit in Fülle. Ihre Impressionen laden ein, sie uns anzuverwandeln. Oder wie Luigi Mailipiero es ausdrückt: „Kunst ist der kluge Spiegel der Seele, durch den wir lernen können, unser Dasein richtig und unverzerrt zu leben, mit dem Ohr an der Brust der gewaltigen Natur, deren Rhythmus Träger unseres Lebens, ungetrübt von Menschentyrannei, sein soll.“

Dr. Stefanie Lucci, Déjà vu, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb: Abstraktionen, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2012

Dr. Heinz Schmitz, Farbe als Ausdruck

Grün bricht mit explosiver Kraft hervor, wird nur vom Gelb in seine Schranken gewiesen, Blau gibt Struktur. Dann eine Reihe von grauen Bildern. Mehrere Schichten wurden aufgetragen. Immer wieder bricht ein hell gedämpfter Farbton durch. Die Bilder waren anscheinend farbig, ja bunt, wurden aber nach und nach ihrer Farbigkeit beraubt. Es scheint, als wenn die Farbe selbst dazu beigetragen hätte, sich zu beschränken. Eine Erinnerung an sie bleibt, auch wenn sie unter einer hellen, grauen Oberfläche versteckt aber noch sichtbar ist.

Die Bilder sind durchnummeriert und tragen den Titel »Déjà Vu«, was »schon gesehen« bedeutet. Und wirklich wirken die Gemälde, als seien sie schon betrachtet worden und von dem Gebrauch abgenutzt, von einem hellen Schleier überzogen.

Oder ganz so, wie Farblehren beschreiben, dass eine Addition der Primärfarben Weiß ergeben, in der Praxis aber, und dies scheint Sonja Kalb auszuführen, ein helles Grau, durchsetzt von einer feinen, zarten Farbigkeit. Dabei, betrachtet man die Werke aus der Nähe, wurde die Farbe kräftig, pastos und mit dem Spachtel aufgetragen. Arbeitsspuren sind zu sehen, Abschabungen und erneute Farbschichten. Auf diese Leinwände wurden bis zu zwanzig Acrylschichten aufgetragen, die von einer Hochglanzlackierung geschützt wird. Diese Bilder – hier erweist sich der Titel »Déjà Vu« als treffend – verbergen viele, ungezählte Bilder unter ihren Schichten. Schaut man sich die Werke an, so werden Erinnerungen geweckt an Ereignisse, die vielleicht nie eingetreten sind, von denen man aber doch berührt ist. Form und Farbe haben in diesen Bildern ihren Eigenwert gefunden und sind zum selbstständigen Ausdrucksmittel geworden. Schluss mit der Vorstellung, die Qualität von Kunstwerken lasse sich an ihrer Ähnlichkeit zum Abgebildeten bestimmen.

Der Wettstreit zwischen den Malern Zeuxis und Parrhasios, von dem Plinius der Ältere erzählt, verfehlt das Wesen der Kunst. Keine Trauben, die so genau gemalt, dass sie Tauben anlocken, kein gemalter Vorhang, den man wegziehen möchte, im irrigen Glauben, hinter ihm verberge sich die Kunst, nein, für Sonja Kalb wird die Kunst selbst zum Thema.

Dr. Heinz Schmitz, Farbe als Ausdruck, in: Egon Heidefeld (Hg.), Sonja Kalb, Krefeld: Galerie Heidefeld & Partner, 2009